Mut zur Haltung: Für eine wehrhafte Stadtgesellschaft

Veröffentlicht am 14.01.2025 in Standpunkte
 

Wir stärken in Marbach die Stadtgesellschaft.

Vor einem Jahr standen wir gemeinsam auf dem Burgplatz. Unter dem Motto „Marbach ist bunt“ haben wir uns für Erinnerung, Respekt und Zusammenhalt eingesetzt. Die Aufbruchsstimmung von damals ist abgeflaut – und doch ist es keineswegs stiller geworden. Kürzlich hat uns eine Bürgerin aus unserer Mitte mit einem verstörenden Ausruf daran erinnert, dass verletzte Werte und alte Ideologien näher liegen, als wir glauben möchten. Wie erinnern wir uns heute an die Vergangenheit? Welche Zukunft gestalten wir, in der Vielfalt und Menschenwürde unantastbar bleiben? Geschichte ist keine staubige Erzählung, sondern eine Aufgabe, die uns alle betrifft – jeden Tag aufs Neue. Wenn wir die Werte, die uns verbinden, bewahren und weiterentwickeln wollen, braucht es mehr als Worte: Es braucht Herz, Haltung und gemeinsames Handeln. Lassen wir uns davon leiten – im Dialog und in der Tat

Eine Haltung, die zählt

Ein einzelner Moment kann vieles aufdecken: In einer öffentlichen Sitzung des Marbacher Gemeinderats ertönte im Dezember 2024 ein strafrechtlich relevanter Ruf, der an die dunkelsten Zeiten unserer Geschichte erinnert. Es geht hier nicht um die Person, die diese Worte sprach, sondern um das, was dahintersteht – und was uns alle angeht. Ein solcher Vorfall fordert uns auf, über die Werte nachzudenken, die wir vertreten und welche Geschichte wir gemeinsam erzählen wollen.

Unsere Demokratie ist kein Selbstläufer. Sie erfordert unsere ständige Wachsamkeit, unser Engagement und unseren Mut. Verantwortung für die demokratische Kultur zu übernehmen, bedeutet nicht nur Reaktion auf Vorfälle, sondern aktives Handeln, das sich in jeder Begegnung, in jedem Gespräch und in unseren Entscheidungen widerspiegelt. Nur so können wir eine Gesellschaft gestalten, in der Respekt, Freiheit und Vielfalt nicht nur Werte, sondern gelebte Realität sind.

Diese Verantwortung ist keine Last, sondern eine Chance für uns als Stadtgesellschaft und für jeden Einzelnen.

Eine Stadt, die erinnert

Marbach am Neckar – Geburtsstadt Friedrich Schillers, ein Ort der Literatur und Kultur. Doch auch diese Stadt trägt Spuren einer dunklen Zeit. Während der NS-Diktatur wurde der Alltag von Gleichschaltung, Verfolgung und Propaganda geprägt. Politische Gegner*innen wurden mundtot gemacht, Menschen ausgegrenzt, und die Ideologie des Nationalsozialismus durchdrang das öffentliche Leben.

Diese Geschichte mag fern erscheinen, bleibt jedoch stets gegenwärtig. Denn sie erinnert uns daran, wie zerbrechlich Demokratie sein kann und wie wichtig es ist, unsere Werte aktiv zu verteidigen. Die lokale Geschichte ist Teil unseres kollektiven Gedächtnisses und lehrt uns nicht nur aus Fehlern und Verlusten. Sie zeigt auch Aspekte eines Willens zur Erneuerung und dem Streben nach einem besseren Miteinander. Indem wir uns dieser Geschichte stellen, übernehmen wir Verantwortung für die Gegenwart und gestalten eine Zukunft, in der Respekt und Menschenwürde an erster Stelle stehen.

Gemeinsam erinnern, gemeinsam gestalten

Marbach hat Wege gefunden, aus der Vergangenheit zu lernen und Erinnerungskultur lebendig zu halten. Stolpersteine erinnern an Opfer des Nationalsozialismus. Doch Gedenken ist mehr als eine Pflicht – es ist ein aktiver Prozess des Verstehens und Verarbeitens, der durch die gesamte Stadtgesellschaft getragen wird.

Auch in unseren Schulen wird Geschichte nicht nur durch Fakten, sondern auch durch Zeitzeug*innengespräche und Projektarbeit lebendig gemacht. Unsere Bibliotheken, Vereine und Bürger*innen schaffen Räume für Dialog und Reflexion. Die Politik trägt die Verantwortung, diese Prozesse zu unterstützen und Möglichkeiten für den Austausch zu schaffen. Doch es braucht alle: Jede Initiative, jede Stimme stärkt die Gemeinschaft und trägt zur Gestaltung der Werte bei, die unsere Gesellschaft prägen.

Aktiv handeln, nicht nur reagieren

Das Wiedererstarken extremistischer Tendenzen ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Sie äußert sich nicht nur in markanten Ereignissen, sondern auch in schleichenden, alltäglichen Entwicklungen. Wie gehen wir mit dieser Gefahr um, die so vielfältig und komplex ist? Wie verhindern wir, dass Hass und Intoleranz in unserer Gesellschaft weiter Fuß fassen?

Präventionsarbeit und politische Aufklärung sind unerlässlich. In Schulen, Vereinen und sozialen Einrichtungen muss kontinuierlich über demokratische Werte, den respektvollen Umgang miteinander und die Bedeutung der Menschenrechte gesprochen werden. Demokratie braucht unsere stete Aufmerksamkeit, damit Respekt und Vielfalt gewährleistet sind – jeder von uns ist Teil dieser Fürsorge. Es reicht nicht aus, auf Vorfälle nur mit Empörung zu reagieren. Diese Emotionen sind wichtig, aber sie dürfen nicht unsere einzige Reaktion sein.

Wir müssen uns aktiv und stetig positionieren. In unseren täglichen Handlungen, in unseren Worten und Taten müssen wir klar und unmissverständlich für unsere Werte eintreten. Nur so stellen wir sicher, dass Extremismus keinen Platz in unserer Gesellschaft hat.

Ein solcher Einsatz für Demokratie schließt auch die kritische Auseinandersetzung mit den sichtbaren Spuren der Vergangenheit in unserem Stadtbild ein. Das Kriegerdenkmal in der Innenstadt, das 1934 unter der Herrschaft der Nationalsozialisten eingeweiht wurde, erinnert nicht nur an gefallene Soldaten, sondern fungierte einst als Kulisse für Aufmärsche und propagandistische Inszenierungen.

Ist es nicht an der Zeit, den Diskurs über die Rolle und Botschaft dieses Denkmals wieder aufzunehmen? Wie wollen wir in unserer Stadt künftig mit solchen Relikten umgehen? Diese Fragen sind Teil unserer Verantwortung, Geschichte kritisch zu reflektieren und Werte wie Respekt und Menschenwürde aktiv zu verteidigen.

Gemeinsam für eine starke Stadtgesellschaft

Extremismus beginnt leise. Der Nazi-Ruf im Rathaus ist ein Indiz für einen Prozess, in dem sich Sprache, Denken und Handeln, auch unter unserer Beobachtung im öffentlichen Raum, zunehmend radikalisiert haben. Umso wichtiger ist es, dass wir wach bleiben – nicht aus Angst, sondern aus Überzeugung. Überzeugung für eine Gesellschaft, die auf Respekt, Vielfalt und Menschenwürde aufbaut. Jeder von uns trägt die Verantwortung, diesen Werten täglich Raum zu geben und klar Stellung zu beziehen, wenn sie bedroht werden.

Marbach ist ein Ort mit Geschichte – und wir müssen unsere Zukunft gemeinsam gestalten: mutig, offen und im Dialog. Unsere Ideen, Perspektiven und unser Engagement sind gefragt. Wie können wir Erinnerungskultur lebendig halten? Welche Projekte stärken das Bewusstsein für Demokratie?

spd_marbach/lo

 

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